grosses Bild August 2004
Lieber M.

Das ich so ungern, ja eigentlich nie, über meine Arbeit rede und deinen Fragen nach dem "Wozu" und "Weshalb" bis jetzt immer ausgewichen bin, hat dich oft irritiert, fast geärgert. Deutlich spürte ich dein Unverständnis, wenn ich dir hin und wieder einmal endlich ein:" Wenn nicht ich, wer den sonst? " als Grund für mein Tun gab oder dir sagte, dass ich wohl unmöglich andere darum bitten könnte, mir meine Bilder zu malen und die Knochenarbeit, die es so oft ist, auf sich zu nehmen. Natürlich weiß ich, dass du etwas anderes hören willst.
Du möchtest so gerne wissen, weshalb meine Bilder nicht die Deinigen widerspiegeln und nicht deine Erwartungen erfüllen. Wir haben alle unsere Bilder, und es ist schwer, etwas anderem Platz zu machen. Meistens braucht es Zeit, viel Zeit.
Bildermachen ist für mich dem Faden in einem verwickelten Garnknäuel zu folgen, Knoten auf zu binden und den Faden, wenn er hin und wieder einmal bricht, wieder zu sammeln. Sollte ich Glück haben, was ich hoffe, dann habe ich eine Haspel erwicht, die mich meine Zeit beschäftigt hält. All dass weißt du und fragst trotzdem immer noch nach dem Weshalb.
Vielleicht hilft es, wenn ich dir die Räume beschreibe, die das behausen, was dich irritiert und oft abstößt. Räume, deren Echo du in meiner Arbeit wiederfinden kannst.
Der Anfang zu Opferungen war banal.

Sicher erinnerst du dich, dass ich schon immer gerne zeichnete, und dass ich, wenn die Zeit es zuließ, kleine Figuren aus dem Holz schnitzte, dass die Zimmerleute mir, dem Hilfsarbeiter, als Teil meines Lohns überließen.
Eines Tages zeichnete ich einen Mann, der einen Balken trug. Etwas mit dem man mich oft beauftragte und mit dem ich vertraut war.
In den nachfolgenden Zeichnungen glitt der Balken langsam von der Schulter und durchbohrte den Körper. Der Zimmermann verwandelte sich in seinen Sohn, in dessen Schatten wir seit 2000 Jahren leben. Diese Zeichnung öffnete für mich eine Welt, die mich noch immer beschäftigt. Nicht als Ausdruck einer wiedergefundenen Religiosität, sondern als eines der vielen Echos, die mich täglich erreichen. Sei es aus meiner Kindheit, aus den Tageszeitungen, dem Radio, dem Fernsehen oder aus dem Alltäglichen.
Ein Echo kann die Erinnerung an das Fällen eines Baumes sein oder an die Werkstatt meines Vaters mit ihren vielen Holzbeinen, deren Geruch von Leim, Lack, Holz, Leder und Staub mir noch immer in der Nase steckt. Oder an Museen mit dem, was ich damals als keltische Opfersteine ansah. Seite an Seite mit Madonnen, die ihre Söhne an prallen Brüsten stillten. Es konnten aber auch die Schlachtungen zu Weihnachten sein, wenn man das Schwein aus dem Stall zog, um es auf dem Hof abzustechen. All dies vermischt sich mit den Erzählungen aus der Kindheit, von den Menschenopfern der Azteken, die mit steinernen Messern den Körpern lebender Menschen das Herz entrissen haben sollen, der Geschichte von Abraham, der gewillt gewesen sein sollte, seinem Gott den Sohn auf den Altar zu legen, oder Agamemnon, der auf Thauris Iphigenie den Hals durchschnitt. Echos aus Kammern die, gefüllt mit Grauen und Erregung, Befremden bei mir hervorriefen. Echos zurück aus einer Zeit, in der ich anfing, die Welt mit meinen Sinnen zu verstehen, Seite an Seite mit den ersten Dogmen der Kindheit von der Notwendigkeit Opfer zu bringen, vermischt mit den endlosen Berichten des Geschichtsunterrichts über die vielfältigen Opfer aller Zeiten, ein Faden, den ich immer noch mit mir ziehe.

 

Jetzt weiß ich, dass die keltischen Steine nicht keltisch waren, aber meine Finger erinnern sich der schartigen Kerben. Scharten die, so glaubte ich, von Klingen stammten. Der Junge wusste auch noch nicht, dass seine versteckte Neugierde auf die prallen Brüste der Madonnen, die verbotene Erfahrung seines Blicks, die Erfahrung und Freude seiner Finger werden sollte. Eine Verwandlung, die die Meisten von uns durchlaufen und uns mit Freude erfüllen sollte.
Wo sonst sollten meine Finger denn das Wissen holen, wenn ich die Rinde vom Baumstamm schäle und meine Finger über das noch feuchte Holz gleiten, diesen fehlerfreien Körper? Diesen Körper, den ich zerstören muss, um mit dem Wissen der Finger und der Erfahrung des Blickes einen Neuen zu schaffen, den ich dann ganz am Schluss, den Flammen zur Verwandlung überlasse.
Einen Körper dem Brand auszusetzen ist eine bewegende Erfahrung, die beim ersten Mal all meinen Mut verlangte. Es waren ja nicht nur die vielen Monate der Arbeit, die ich aufs Spiel setzte, ich fühlte, ein Tabu zu brechen: Einen Menschen zu verbrennen, sei er auch nur a
us Holz.
Obwohl, oder vielleicht gerade, weil ich im Schatten der Zerstörung aufwuchs, und wir täglich den Schrecken unserer Zeit, der Gegenwart, folgen können, war die aktive Handlung beängstigend.
Nach und nach wurde Feuer Teil meines Werkzeugkastens, ein notwendiges Werkzeug um den gewünschten Ausdruck zu erreichen. Feuer unterscheidet sich hier kaum von dem Radiergummi, der nicht nur zerstört, sondern auch neue Räume öffnet.
Um ein Bild des geopferten, geschändeten Menschen zu machen, kann es notwendig sein, das Bild der Gefahr auszusetzen, es zu zerstören. Ende und Anfang stehen nahe beieinander.
Um an den Stamm zu gelangen, muss ich den Baum fällen und mit seinem Schrei leben. Einen Schrei, den ich zum ersten Mal als 3-jähriger hörte, da man zweihundertjährige Tannen noch mit Säge und Axt fällte, und der Baum, nach einem Moment des stillen Zögerns, sich mit einem Schrei als letzten Protest langsam niederlegte.
Und so geschah es auch mit dem Schwein, wenn es zu Weihnachten widerwillig auf den Hof gezogen wurde, die Männer ihm den Kopf zur Seite drehten und rasch seine Kehle durchschnitten.
Die Frauen stürzten hinzu, um das spritzende Blut in Eimern aufzufangen, ehe sie das Schwein brühten, auf die Leiter banden und so an die Stalltür stellten, dass ein Messer mit erfahrenem Schnitt die Bauchhöhle öffnen konnte, und der glänzende Regenbogen der Eingeweide herausquoll.
Der Junge fühlte es stank. Die Erregung der Frauen und Männer war groß, und der Junge wollte nicht aufhören zu sehen, zu lauschen und zu fühlen.
Dieselbe Neugier trieb ihn immer wieder zu heimlichen Reisen in den Wald, um Teiche und Pfützen nach möglichem Getier zu erforschen, um die klebrig glitschige Haut des Frosches, die gespaltene Zunge der Eidechse oder auch die schuppig trockene Haut der Natter in der Handfläche zu erfahren.
All dies kam wieder zurück, als ich die Erlaubnis erhielt, mit meinen Skulpturen in einer verlassenen Kiesgrube im Wald zu arbeiten. Hier hatte ich 14 Jahre lang die Möglichkeit, mich in die Vielfältigkeit des Holzes zu vertiefen, auf seinen Widerstand zu treffen, aber auch seine Geschenke zu erhalten. In diesen 14 Jahren lernte ich den Winter zu schätzen, seine Feuchtigkeit, Nebel und Kälte, und ich lernte die kleinen Zeichen, die schon im Januar den kommenden Sommer ankündigen. Gerade im Januar, wenn der Wald vom Dröhnen der Buchen widerhallt, wenn sie auf den gefrorenen Boden aufschlagen. Aus all dem entwuchs eine Reihe von Zeichnungen und Skulpturen.
Du musst entscheiden, wie du sie empfängst. An dem Tag, an dem ich meine Arbeit beende, musst du den Mut haben, die Räume zu betreten, die meine Arbeit vielleicht in dir geöffnet haben. Welche Räume das sind, kann ich nicht wissen.
Für mein Tun gibt es keinen anderen Grund als die immer währende Lust nach Bildern und diese Lust bedarf keiner Verteidigung oder Entschuldigung.


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